die welt sollte zunächst so bleiben, wie sie ist.

die welt sollte zunächst so bleiben, wie sie ist.

lukas einsele
thomas erdelmeier
thomas kilpper


6.6. – 24.8.2008

Die hier versammelten Künstler prägt ein gesellschaftspolitisches Bewusstsein, das auf unterschiedliche Weise in ihren künstlerischen Arbeiten und Projekten Niederschlag findet. Der Schaffensprozess wird zur steten Auseinandersetzung mit Herkunft und Zusammen­hängen des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ­sowie mit der Frage, welche Rolle dem Individuum hierbei zukommen kann bzw. zugeteilt wird. Wo finden sich Hand­lungs­­­spielräume, um Gesellschaft, Politik und Staat (mit)zu­gestalten? An welchen Stellen hört die zivilisa­torische ­Realität auf, zivil zu sein? In welchem Maße ­konstruieren Herkunft, Gesellschaft und Ökonomie das einzelne ­Subjekt und bedingen unsere Kommunikationsformen? Mit sehr verschiedenen Mitteln deuten Lukas Einsele, Thomas Erdelmeier und Thomas Kilpper die Wider­sprüche einer in vielen Bereichen auf Übersichtlichkeit, ­Überregulierung und auch paradoxen Moral drängen­den ­Gesellschaftsordnung an. Gesellschaftliche Wirklichkeit wird zum Fundus, von dem aus augenfällige Fragen ­verhandelt werden und aus dem sich ebenso ­kritisch wie lustvoll schöpfen lässt. Insofern ließe sich der Titel der Ausstellung „die Welt sollte zunächstso bleiben, wie ­sie ist.“ genauso als Frage formulieren oder auch als Umkehrung.

Lukas Einsele (geboren 1963, lebt in Darmstadt) zeigt in der Ausstellung neben einer neuen Arbeit sein Projekt „One Step Beyond – Wiederbegegnung mit der Mine“ (OSB). Es berichtet auf verschiedenen Ebenen über Opfer von Landminen und bringt Opfer und Mine in ein sichtbares Verhältnis: Lukas Einsele reiste in stark verminte Länder wie Angola, Afghanistan oder Bosnien-Her­ze­go­wina und bat Menschen, die von einer Landmine verwundet wurden, sich an den Hergang des Unglücks zu erinnern und ihm davon zu erzählen. Im Anschluss fertigte Einsele Schwarzweiß-Porträts der Erzählenden mit ­einer Großbildkamera an. Mit Hilfe der Berichte sowie ­weiterer Recherchen zu Militär- und Minenkarten und Minenräumungen, konnte er Rückschlüsse auf den ­möglichen Minentyp schließen, der den „Unfall“ verur­sachte. Während der Aufenthalte griff Lukas Einsele weitere Themen fotografisch auf, die um den vielschichtigen wie monströsen Komplex kreisen: Minenräumungen, ­Minenaufklärung, Rehabilitation. Ausgangspunkt und zentraler Aspekt dieses Projekts ist das Erinnern als ­aktiver, Bilder generierender Prozess. Für die zahlreichen Institutionen im In- und Ausland, in denen OSB seit 2001 gezeigt wurde, erarbeitet Lukas Einsele auf den jeweiligen Ausstellungsort abgestimmte Präsentationsfor­men, die sich stets zu einem subtilen und ebenso eindringlichen Bild über dieses dunkle Kapitel fügen. In der Kunsthalle Mainz entsteht ein kleiner Raum im Raum, der jenem Grundriss entspricht, an dem „One Step Beyond“ erstmals zu sehen war. Der nachgebildete Raum sowie eine Auswahl der Schwarzweiß-Porträts der Erzählenden korrespondiert mit einer neuen Videoarbeit des Künstlers, in der vier Musiker ein klassisches Musikstück memorieren. Der ­Betrachter wohnt hier einer stillen und zugleich höchst aufgeladenen Aufführung ohne Instrumente bei.

Die Zeichnungen, die Malerei und die architekturartigen Modelle von Thomas Erdelmeier (geboren 1969, lebt in Frankfurt / Main) sind geprägt von einem ausgesprochenen Gespür für Räumlichkeit. Die Plastizität, die extremen Perspektiven und die stürzenden Fluchtlinien erscheinen wie der Reflex auf eine immer flacher wer­den­­de Bildschirmwahrnehmung und zugleich als Spiegel eines immer komplexer werdenden Gesellschafts­­­­sy­stems, in dem das Subjekt seinen Platz zu finden und Nachteile zu vermeiden versucht. Die oft wandgroßen Zeichnungen, einige von ihnen als Sprach- und Text­räume angelegt, verschmelzen unterschiedliche zeich­nerische Sprachen und Erzählstile. Viele verschiedene ­Elemente und Aussagen sind wie bei einem Gespinst miteinander verwoben und lassen Momente von Pes­­­simismus wie auch der Zuversicht gleichermaßen aufblitzen. In der Ausstellung ist eine Auswahl von ­neuen, seit 2007 entstandenen Malereien zu sehen. Sie ver­lassen weitgehend die Textebene, aber nicht das vielschichtige Erzählen. Auch in den Malereien kommt der virtuose, stets aus dem Vollen schöpfende Zeichner zum Tragen. Die Bilddynamik bildet immer auch ein ener­­­­getisches Feld, in dem sich der Künstler kritisch konsta­­tie­rend und gleichsam lustvoll der ihn umtreibenden ­Fragen annimmt. Gelingende und ausnutzerische ­Formen menschlicher Kommunikation, die Frage nach ­Teilhabe an Privi­legien sowie Überlegungen zur religiö­sen Herkunft unseres heutigen Wirtschaftsystems und die ­daraus resultierenden Subjektkonstruktionen sind ­wiederkehrende Themen.

Die oft monumentalen und äußerst aufwändigen Projekte von Thomas Kilpper (geboren 1956, lebt in Berlin) haben meist zwei Ausgangspunkte. Ausgehend von ­biografischen Stationen schwingt im künstlerischen Schaffen von Thomas Kilpper stets die bisweilen direkte Auseinandersetzung mit politischen Gegebenheiten mit. Der konkrete Wunsch und das Bestehen auf Gestaltung und Mitbestimmung sowie auf dem Verändern von Missverhältnissen der Gesellschaft bilden das Themenspektrum des Künstlers. Hierbei stehen Überlegungen im Raum, inwieweit soziale oder politische Fragen im Rahmen von Kunst verhandelbar sind. Dass es gelingen kann, zeigt z. B. das Projekt „Drowning Hercules“ (2001): In ei­nem ausgedienten Schwimmbecken schuf der Künstler aus sämtlichen Holzteilen, die er im übrigen Gebäude herausschlagen konnte (Einbauschränke, Türen etc.), ­einen zehn Meter hohen Baum. Dieser wurde zerstört mit dem ­Abriss des Gebäudes. Für kurze Zeit besetzte ­Thomas ­Kilpper den Ort, eignete ihn sich an und führte die zerstörten Holzteile als skulpturales Bild in ihren ­Ursprung als Baum zurück. Das Besetzen von Orten und der Umgang mit ihrer Geschichte ist ein weiterer we­sent­licher Aspekt in Kilppers Arbeiten. Für die Kunsthalle Mainz entsteht eine raumgreifende Installation aus etwa 20 Zeichnungen, die als eine Art Parcours mit dem Gesicht nach unten über dem Boden schweben und so die Betrachtung buchstäblich auf den Kopf stellen. Die Zeichnungen sind als biografische Zeitreise ­angelegt, die zugleich ­prägende gesellschaftspolitische ­Ereignisse ver­gegenwärtigt. Eine weitere Installation, bestehend aus einer hinfälligen und zugleich Raum einnehmenden Wand, spielt mit der Dekonstruktion der Eleganz des ­eigentlichen Ausstellungsraumes und seiner auf konzentrierte Kunstbetrachtung ausgerichteten Architektur.

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fail better

Ein Projekt der Akademie für Bildende Künste Mainz

6.6. – 13.7.2008

„Try again. Fail again. Fail better. – Wieder versuchen. ­Wieder scheitern. Besser scheitern.“ In dieser triadischen Formel fasste Samuel Beckett den lebenslangen Prozess künstlerischer Suche und ihre Gratwanderung zwischen „Gelingen“ und „Misslingen“ zusammen. „Fail better“– „besser scheitern“ – dieses paradoxe Motto hat sich auch die Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg Universität Mainz für ihre Ausstellungen in der Kunsthalle zu eigen gemacht – ein Motto, das sig­nalisiert, „dass niemals gelungen sein kann, was nicht auch hätte scheitern können“, wie der Kunsttheoretiker Robert Kudielka es formuliert hat.

Zur ersten Ausstellung in den drei Turmebenen wurden diesmal zwölf Studierende ausgewählt. Beteiligt sind: Christoph Anschütz, Johannes Brodehl, Lotte ­Günther, Hanna Hechler, Annika Hobiger, Heang-Ho Jung, Stefanie Ohler, Katharina Schlichter, Charlotte ­Simon, Marc van der Hocht, Lisa Weber und Leo Wörner. Wie diese Ausstellung wird die Reihe „fail better“ exemplarisch die Arbeit der Kunsthochschule präsentieren.

Im Rahmen der Ausstellung wird zugleich der von der LRP Landesbank Rheinland-Pfalz gestiftete Förderpreis für Bildende Kunst vergeben. Die Verleihung findet am Freitag, den 20. Juni, um 18 Uhr statt.

Christoph Anschütz (*1982), Johannes Brodehl (*1983), Lotte Günther (*1983), Hanna Hechler (*1984), Annika Hobiger (*1980), Heang-Ho Jung (*1974), Stefanie Ohler (*1981), Katharina Schlichter (*1985), Charlotte Simon (*1986), Marc van der Hocht (*1980), Lisa Weber (*1985), Leo Wörner (*1982)

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Nachspiel: Zeit

Eine Ausstellung von und für Kinder und Jugendliche

27.7. – 24.8.08

„Nachspiel: Zeit“ ist eine Ausstellung von und für Kinder und Jugendliche. Junge Akteure aller Nationalitäten, Schultypen, auch aus außerschulischen Einrichtungen können sich beteiligen. Bis Anfang Juni können Einzel- und Gruppenarbeiten eingereicht werden, die sich mit Kunstwerken der ersten Ausstellung „Alle Zeit der Welt“ auseinandersetzen. Eine Jury von Kindern und Jugendlichen wird die eingereichten Arbeiten sichten und auswählen. Einer erweiterten Gruppe von jungen Teilnehmern fällt dann die Aufgabe zu, die Ausstellung mit den dazugehörigen organisatorischen und inhaltlichen ­Arbeiten bis zur Eröffnung am 27. Juli 2008 nach ihren Vorstellungen einzurichten.

Das Ausstellungsprojekt ist auch als Kooperations­projekt für Schulen und außerschulische Einrichtungen ­angelegt. Wir freuen uns, mit dem Kinderhaus St. Alban und St. Jakob in Mainz einen ersten Kooperationspartner gefunden zu haben. Ebenfalls werden sich Schulklassen aus dem Frauenlobgymnasium aktiv an der Ausstellung beteiligen.

Die Erarbeitung der Ausstellung findet in Form von Workshops statt, die vom pädagogischen Team der Kunsthalle sowie von Kooperationspartnern unterstützt werden. Zu diesen Workshops können sich alle Interessierten im Alter von 8 bis 18 Jahren anmelden. Die Treffen von Ende Juni bis Mitte Juli sind zugleich Teil unseres Sommerferienprogramms. Die jungen Akteure werden dabei zu Ausstellungsmachern. Eine kontinuierliche ­Teilnahme ist erwünscht, aber nicht unbedingt nötig. Kinder und Jugendliche können sich auch zu einzelnen Terminen anmelden. Für die Ausstellung werden die Turmebenen I, II und III der Kunsthalle zur Verfügung stehen und wie die übrigen Ausstellungsräume dem Publikum zugänglich sein.In der dritten Ebene werden wir in der letzten Ferienwoche ein „offenes Atelier“ einrichten. Hier können Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren ihre Ideen praktisch umsetzen. Der Blick aus dem Panoramafenster bietet vielfältige Anregungen. Diese Workshops werden unter Anleitung einer Künstlerin stattfinden.


© Kunsthalle Mainz, Fotograf: Norbert Miguletz

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