Ausstellungsansichten: Alle Zeit der Welt

Alle Zeit der Welt
10 Langzeitprojekte

1.3 – 18. 5. 2008

Alle Zeit der Welt – so lautet der Titel der Eröffnungs­ausstellung der Kunsthalle Mainz. Er ist durchaus programmatisch zu sehen, denn ohne die Beharrlichkeit der Initiatoren wäre dieser Ort für Gegenwartskunst, dessen Errichtung lange schon anstand, kaum denkbar. Außerdem wird es künftig um das Beharren auf diesem Ort ­gehen und darum, ihn dauerhaft mit Leben, Neugier, Staunen und Erkenntnissen zu füllen. Alle sind ein­ge­la­den, die Kunsthalle Mainz als Angebot und Chance zu nutzen.

Die Gruppenausstellung stellt zehn Künstlerinnen ­und Künstler vor, in deren Werken die Erfahrung der Zeit eine zentrale Rolle einnimmt. In allen Sparten der Kunst ­haben Künstler immer wieder Langzeitprojekte verfolgt. Manche entwickeln daraus Lebensprojekte oder solche, die dazu bestimmt sind, die eigene Existenz gar um Jahrhunderte zu überdauern. Solche Arbeiten eröffnen eine besondere Wahrnehmung für das Verstreichen der Zeit. Sie kreisen um die großen und kleinen Fragen nach Sinn und Dauer der Existenz. Viele der Ansätze gewinnen ­Modellcharakter in dem Moment, in dem sie alternative gesellschaftliche Haltungen entwerfen und die Frage, wann Zeit sinnvoll gefüllt ist, neu stellen. Alle Zeit der Welt zeigt exemplarisch zehn Langzeitprojekte unterschiedlicher Ausprägung. Einige sind abgeschlossen, ­andere sind Teil des gesamten künstlerischen Werkes und dauern noch an – teilweise schon Jahrzehnte. Es soll darum gehen, die emotionale und mentale Spannweite der hier gezeigten künstlerischen Arbeits- und Blick­weisen erfahrbar zu machen.
Der in Berlin lebende Künstler Jens Risch (*1973) widmet sich täglich mehrere Stunden einem eintausend Meter langen Seidenfaden, bei dem er Knoten an Knoten setzt. Er wird so lange knoten – etwa vier Jahre –, bis ­kein ­Knoten mehr möglich ist und ein tennisballgroßes,kompaktes Gebilde entsteht – ein aufs Äußerste verdichteter Klumpen Zeit. Die am Ende erlangte Form wird schließlich auch zu einem Sinnbild für eine alter­native Strukturierung von Lebenszeit als Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung. Von Risch ist das Seidenstück II (seit 2002) zu sehen, das bisher einmal komplett durchgeknotet ist. Den Fortgang der zweiten Knotung kann der Besucher in der Ausstellung abschreiten. Im selben Raum begegnet man den Arbeiten des amerikanischen Fotografen Nicholas Nixon (*1947), der seit 1975 jedes Jahr vier Schwestern fotografiert – The Brown Sisters. In den Schwarz-Weiß-Fotografien blicken die vier zu ­Beginn jungen und dann allmählich alternden Frauen, ­immer in derselben Reihenfolge aufgestellt, dem ­Betrachter mit festem Blick entgegen. Während das ­einzelne Foto die Zeit im Moment festhält und ihm ­ewige Gegenwart ermöglicht, offenbart die Serie das unaufhörliche Voranschreiten der Zeit – und wie sie sich unbeirrt in die Physiognomie der Gesichter einschreibt.

Mit Angela Fensch und Christian Borchertwerden zwei weitere Fotografen vorgestellt. Sie sind im Kunstkontext im Westen Deutschlands bisher kaum bekannt. Der Dresdner Christian Borchert (1942 – 2000) gilt als wichtiger Chronist der Kultur- und Sozialgeschichte der DDR. Zu Beginn der 1980er Jahre begann er mit einer ­Serie von Familienporträts. Zehn Jahre später, einige ­Jahre nach der Wende, fotografierte er dieselben Familien erneut, wieder in ihrem häuslichen Umfeld. Für den Betrachter eröffnet sich im Vergleich ein bewegendes Stück deutscher Geschichte. Ähnlich geht Angela Fensch (*1952) in ihrer Serie Frauen Kinder vor. Im Abstand von sechzehn Jahren – 1989 und 2005 – fotografierte sie Frauen mit ihren Kindern in Ostdeutschland. Hierbei mag die damalige Offenheit der Frauen erstaunen. ­Mit Blick auf die Möglichkeiten des Individuums in einer gelenkten Gesellschaft sind die Fotos jedoch eine Art Bestands­aufnahme und zugleich Ausdruck selbst­bestimmten ­Lebens. Von Angela Fensch werden auch Bilder der 1996 begonnenen Serie Progress gezeigt, für die sie Jugend­liche in der Uckermark porträtierte und nach ihren ­Hoffnungen und Lebenszielen befragte. Nach zwölf ­Jahren stellen sie sich erneut der Kamera und geben Auskunft über die Zeit dazwischen.

Für das Wecken von Hoffnungen im kulinarischen ­Bereich gibt es Kochbücher. Die Berliner Künstlerin ­Meike Dölp (*1970) hat in einem Zeitraum von zwei ­Jahren, sämtliche Gerichte (ca. 350) eines Kochbuch­klassikers nachgekocht, die Speisen fotografiert und die ­Fotos über die Abbildungen im Kochbuch geklebt. ­ Ihr Partner und Künstlerkollege Rolf Gesing half ihr ­dabei. Es ist ein bisweilen unappetitliches, aber dafür sehr ehrliches Kochbuch entstanden – und ferner ein wunderbares Lehrstück über Ausdauer. Den Besuchern wird die Möglichkeit gegeben, darin zu blättern.

Das Werk des in Frankfurt / Main lebenden Künstlers Jürgen Krause (*1971) ist geprägt von wiederkehrenden Handlungen wie Punktvermessungen, Grundsteinlegungen oder dem Ausschneiden von konfettigroßen ­Papierkreisen mit einem Cutter (Blattschneidearbeiten). Aus einem handelsüblichen Papier gewinnt er etwa 1000 kleine Kreise – so exakt in ihrer Form, als seien sie maschinell ausgestanzt. Die fest in den Alltag des Künstlers integrierten Handlungen sind als qualitativer Teil der künstlerischen Arbeit zu sehen und müssen, ähnlich wie bei Jens Risch, auch als Ausdruck einer gesellschaft­­lichen Haltung gelesen werden. Mit dem für die Kunst­halle ­gelegten Grundstein hat er ein dauerhaftes Werk im ­Außenbereich geschaffen. Außerdem ist die aktuelle ­Reihe von über hundert Blattschneidearbeiten zu sehen.

Im Werk des Nürnberger Künstlers Michael Franz (*1974) kommt das Prinzip der Aneignung immer wieder zum Tragen. Sein bisher aufwändigstes Projekt ist ein Zusammenschnitt von Szenen der TV-Serie „Linden­straße“, in denen es ausschließlich um die Figur und das Schicksal des Franz Schildknecht geht. Die für die Ausstellung ­geschaffene Videoversion von 20 Minuten verdichtet nicht nur den bewegenden Lebensweg eines am Ende scheiternden Künstlers, sondern gleichermaßen das ­Klischeehafte, mit der die Künstlerfigur gezeichnet wird. Zusammen mit dem Stuttgarter Fotografen Tobias Tragl (*1973) entsteht seit 2006 ein anderes Langzeit­projekt, die Foto-Serie installationview. Allein der Titel ist An­eignung und Anspielung zugleich und bildet mit der ­Fotografie und dem real Fotografierten einen tauto­logischen Komplex. Denn die fotografierten Interieurs weisen zwar Bezüge zur Kunstwelt und Kunstwerken auf, suggerieren jedoch eher kunstferne Räume wie ­Büros, Gäste- oder Wartezimmer. Entscheidend ist, dass die Szenerie für jedes einzelne Foto komplett gebaut und konstruiert wird und für einen Moment tatsächlich zur Installation wird.

Gleich in der ersten Ausstellungshalle stößt man auf das Langzeitprojekt von Hans-Jörg Georgi (*1949). Es ist ein sechsgeschossiges Flugzeug, das er, einem inneren Bauplan folgend, sukzessive aus Hunderten von Pappresten baut, gleich einem Stück Architektur. Seit 1995 arbeitet der in Frankfurt / Main lebende Künstler an solchen ­Flugzeugmodellen, meist mit einer Spannweite bis zu 150 cm. Das Erstaunliche ist der besondere Charme der Flieger, der durch den Verzicht auf ein perfektes ­Finish, den individuellen Charakter jeder einzelnen ­Arbeit und die spürbar obsessive Hingabe erzeugt wird. Von Georgi wird außerdem eine Auswahl seines umfangreichen zeichnerischen Werks gezeigt.

In unmittelbarer Nachbarschaft präsentiert Claus Richter (*1971, lebt in Offenbach / Main) eine Installation mit einem Teil seiner umfangreichen Studiensammlung. Sie rankt sich um das Phänomen der Grenzverschiebung zwischen Fiktion und Wirklichkeit, wie sie Extrem-Fans von Science-Fiction-Filmen mitunter durchleben. Als Künst­­­ler, Forscher, bekennender Fan und sogar Fan der Fans begegnet Claus Richter dem Phänomen mit wissen­schaftlichem Abstand und großer Leidenschaft gleichermaßen. Als Künstler ist er selbst ein Wanderer zwischen Fiktion und Realität, der exemplarisch immer neue ­Identitätsmodelle erprobt.

nach oben


Trabant

Heike Aumüller

1.3. – 18.5.2008

Es sind oft befremdliche Orte wie baufällige Gebäude, steril wirkende Wohnungen oder anonyme Hotelzimmer, die Heike Aumüller für ihre Foto- und Videoarbeiten ­aufsucht und in denen sie sich entweder allein oder mit anderen Protagonisten inszeniert. Die gezielte Insze­nierung des Körpers steht hierbei im Zentrum. Burleske Handlungen, absurde Haltungen und ungewöhnliche Perspektiven lassen den Körper zu einem requisitartigen Objekt werden, das sich den räumlichen Gegebenheiten anpassen muss. Die Orte und die in einer Spanne von humorvoll bis morbid ausfallenden Inszenierungen ­verweben sich zu atmosphärisch verdichteten Arbeiten, die höchst ambivalente Assoziationen zulassen. Heike Aumüller zeigt ihre Arbeiten in der dritten Ebene des Ausstellungsturms.

Iris Kettner (*1968 in Mainz), lebt in Berlin

nach oben


Trabant

Iris Kettner

1.3. – 18.5.2008

Es sind oft befremdliche Orte wie baufällige Gebäude, steril wirkende Wohnungen oder anonyme Hotelzimmer, die Heike Aumüller für ihre Foto- und Videoarbeiten ­aufsucht und in denen sie sich entweder allein oder mit anderen Protagonisten inszeniert. Die gezielte Insze­nierung des Körpers steht hierbei im Zentrum. Burleske Handlungen, absurde Haltungen und ungewöhnliche Perspektiven lassen den Körper zu einem requisitartigen Objekt werden, das sich den räumlichen Gegebenheiten anpassen muss. Die Orte und die in einer Spanne von humorvoll bis morbid ausfallenden Inszenierungen ­verweben sich zu atmosphärisch verdichteten Arbeiten, die höchst ambivalente Assoziationen zulassen. Heike Aumüller zeigt ihre Arbeiten in der dritten Ebene des Ausstellungsturms.

Heike Aumüller (*1969 in Stuttgart), lebt in Karlsruhe


© Kunsthalle Mainz, Fotograf: Norbert Miguletz

nach oben