Fade into You-A Series of Film Screenings

Seit 2012 werden in der Reihe Fade into You regelmäßig Videoarbeiten von internationalen Künstlern vorgestellt und diskutiert.

Diskussionsrunde nach dem Motto: VIEW, DRINK AND DISCUSS
Kostenbeitrag 4,- Euro, Wein und Eintritt in die Ausstellung inklusive. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Die Veranstaltung findet mittwochs von 19 bis ca. 21 Uhr statt.

 

Für die Weinspende danken wir:
Weingut Braunewell in Essenheim

Gabriela Denk präsentiert Episode LV
Mittwoch, 18.05.2016, 19 Uhr

Rosalind Nashashibi: Eyeballing, 2005, 10 min


Das Video Eyeballing der englischen Künstlerin Rosalind Nashashibi (*1973) ist eine filmische Collage, die mit Imagination, Beobachtung und Observation spielt. Die Kamera lenkt den Blick auf abstrahierte Gesichter im Stadtbild von New York und in alltäglichen Gegenständen – in Häuserfassaden, Hydranten, Steckdosen, Gully Deckeln. Diesen vergnüglichen Observierungen durch das Alltägliche werden heimliche Aufnahmen von Polizisten vor ihrer Wache in Manhattan gegenüber gestellt. Die Ordnungshüter, die normalerweise den Alltag überwachen, geraten nun selbst in den Fokus. Gerade im 9/11-Kontext in New York bekommt die Arbeit dadurch eine weitere Dimension hinsichtlich immer stärker werdender staatlicher Überwachung. Die Vorstellung, dass die Wände Augen haben und der Mensch im Alltag von vielen Augenpaaren angestarrt wird, kann auch als eine Anspielung auf Voyeurismus und die aktuelle Überwachungsparanoia verstanden werden.

Courtesy of Rosalind Nashashibi and LUX, London


Gabriela Denk präsentiert Episode LIV
Mittwoch, 20. April 2016, 19 Uhr

Nathalie Djurberg: The Mad Tea Party, 2004, 3:58 min, clay animation, video, music by Lloyd Francis
Nathalie Djurberg: New Movements in Fashion, 2006, 9:24 min, clay animation, video, music by Hans Berg

Episode LIV beschäftigt sich mit zwei Videos der schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg, deren Arbeit Egill Sæbjörnsson schon seit Beginn ihrer Karriere mit großer Bewunderung verfolgt. Djurberg (*1978) erweckt mittels Stop-Motion-Technik Knetfiguren zum Leben und lässt sie durch farbenfrohe Albträume wandeln. Meist beginnen die in ihrer Ästhetik an fröhliche Kinderfilme erinnernden Videos harmlos, steigern sich dann jedoch in menschliche Abgründe voller explizierter Gewalt und Sexualität hinein. Für The Mad Tea Party bedient sich die Künstlerin einer Szene aus Lewis Carrolls Roman Alice im Wunderland: Der verrückte Hautmacher trifft sich zur Teeparty mit einem sehr attraktiven Märzhasen und der jungen Alice. Als auch noch die Raupe auftaucht gerät das Geschehen aus den Fugen… In New Movements in Fashion präsentieren animierte Models modische Trends aber auch fragwürdige Tendenzen der Modeindustrie.

Courtesy: Giò Marconi, Milan; Lisson Gallery; the artists.


Gabriela Denk präsentiert Episode LIII

Mittwoch, 16. März 2016, 19 Uhr

Peter Watkins: Forgotten Faces, 1961, 18 min
Deimantas Narkevičius: The Role of a Lifetime, 2003, 16 min


Episode LIII beschäftigt sich mit dem Kurzfilm Forgotten Faces vom britischen Regisseur Peter Watkins (*1935) und The Role of a Lifetime, der Hommage von Deimantas Narkevičius (*1964) an sein Vorbild Watkins. Forgotten Faces ist eine dokumentarisch inszenierte Rekonstruktion der Geschehnisse während des ungarischen Volksaufstandes 1956 in Budapest. Dabei wirken die fiktiven Schicksale so real, dass sich ein Fernsehsender weigerte den Film zu zeigen.

Im Zentrum von The Role of a Lifetime steht Watkins, der einige Jahre in Narkevičius Heimat Litauen lebte. Dafür kombiniert Deimantas Narkevičius Interviews von Watkins mit Filmaufnahmen: Während der Regisseur über die Glaubwürdigkeit der Bilder spricht, sind Zeichnungen eines litauischen Künstlers von Grutas Park in Litauen, in dem Statuen aus der Sowjetzeit aufgestellt sind, sowie gefundenes Material eines Amateurfilmers von Alltagsszenen im englischen Brighton aus den 1960er Jahren zu sehen.
In beiden Filmen wird Watkins und Narkevičius Misstrauen gegenüber dem Genre der Dokumentation und dessen Anspruch auf Authentizität deutlich. Sie hinterfragen das Verhältnis von Fiktion und Realität zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Peter Watkins: Forgotten Faces, 1961, 18 min, Courtesy of Doriane Films, Paris
Deimantas Narkevičius: The Role of a Lifetime, 2003, 16 min, Courtesy of Deimantas Narcevičius and LUX, London


Gabriela Denk präsentiert Episode LII

Mittwoch, 13. Januar 2016, 19 Uhr

Camille Henrot
Coupé / Décalé, Frankreich 2010, 3:54 min
Million Dollars Point
, Frankreich 2011, 5:35 min

Das Material von Coupé/Décalé und Million Dollars Point entstammt dem Inselgebiet Vanuatu, das sich im Südpazifik befindet. Beide Experimentalfilme zeigen Camille Henrots ungebrochenes Interesse an kulturellen Codes, deren Dekonstruktion und Neuformulierung sowie an Adaption historischer Begebenheiten. Coupé / Décalé beschäftigt sich angelehnt an ethnologische Dokumentationen mit dem Ritual des Lianenspringens auf Pentecost-Island. Million Dollars Point zeigt die Überbleibsel der jüngeren Kolonial- und Militärgeschichte: einen Unterwasserfriedhof und tanzende Südseeschönheiten. Henrot lässt visuelle und inhaltliche Brüche entstehen und animiert den Zuschauer zum Nachdenken über unsere Vorstellungen von Traditionen und Exotik.

Camille Henrot, Coupé/Décalé, 2010, Video, 3 min 54, © ADAGP Camille Henrot, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris
Camille Henrot, Million Dollars Point, 2011, Video, 5 min 35, Courtesy the artist and KÖNIG GALERIE

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode LI

Mittwoch, den 23. Dezember 2015, um 19 Uhr
Geburtstag von Arnold Bode

Stan Douglas: Suspiria, 2003, endlos

Suspira nach dem gleichnamigen Horrorfilm von Dario Agento von 1977 ist eine Videoinstallation nach der von Stan Douglas (*1960) entwickelten Methode der rekombinierten Erzählung. Bei dieser Montagetechnik wird sowohl die Mise en Scène als auch der Ton computergesteuert immer wieder neu arrangiert. Die scheinbar geloopte Handlung  alterniert in der Kombination der Details, die Erzählung hat keinen Anfang und kein Ende. Motivisch durchzogen von Elementen des Unheimlichen, spuken Gestalten aus Grimms Märchen und Karl Marx Gespenster als grelle Farbschatten in den labyrinthischen Gängen des Kasseler Herkules-Oktogons herum.

Stan Douglas, Suspiria, 2003, ca 60 min (loop), Courtesy the artist, David Zwirner New York and London and Victoria Miro, London



Sabine Idstein präsentiert Episode XLIX

Mittwoch, den 11. November 2015, um 19 Uhr
Beginn der Fastnacht

Marcel Dzama: Death Disco Dance, 2011, 4 Min

In der Videoperformance Death Disco Dance dokumentiert eine ruhige Kamera die Vorführung einer Tanzformation. Im Takt eines immer wieder aussetzenden Rhythmus eines live Soundsystems bewegt sich nahezu synchron eine kleine Truppe von 9 grazilen Damen organisch und in phantastische Ganzkörperanzüge gekleidet auf einem von Geröll gerahmten Weg. Sie scheinen aus den geöffneten Ladeklappen eines Lieferwagens entschlüpft zu sein, vor dem sich weiteres, jedoch anders maskiertes Volk dicht gedrängt versammelt hat und das Spektakel inspiriert verfolgt. Formal lehnen sich die  Figuren und Kostüme  an Schachfiguren und das Bauhausballett an. Marcel Dzama schuf einen minimalistischen Kurzfilm, der trotz Blutfleck lebensbejahend und einladend wirkt.     

Courtesy David Zwirner, New York und Sies + Höke, Düsseldorf

 

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode L

Mittwoch, den 2. Dezember 2015, um 19 Uhr
Internationaler Tag für die Abschaffung der Sklaverei

Monika Huber, Captured 2014, Video, Full-HD, 16:9, sw, 2:24 min

Monika Huber (*1959 in München) setzt sich mit der Auswahl und Wahrnehmung  medialer Bildern auseinander. Sie transformiert Nachrichtenbilder mit malerischen Mitteln, so dass Individualität in Silhouetten aufgelöst wird und Verweisfunktion übernimmt. In der Stop Motion Animation Captured entwickeln sich zu einem unruhigen Krakelton eine Vielzahl von schwarzen Flecken aus denen allmählich ein Gruppenbild generiert wird. Eine Voice Over nennt Mädchennamen. Repräsentiert wird schließlich das medienwirksame Bild der 276 Schulmädchen, die im April 2014 in Nigeria von der terroristischen Gruppe Boko Haram entführt wurden.  

Mwangi Hutter.  The Cage 2009, 12:01 min

Ingrid Mwangi und Robert Hutter agieren unter dem Namen Mwangi Hutter als künstlerische Einheit. Konsequent arbeiten sie aus ihrer subjektiven Erfahrung heraus und transportieren empfundene Emotionen über die eigene Körperlichkeit, wobei sie ihre Motivation aus eigenen Erfahrungen schöpfen. In der Videoperformance The Cage befindet sich ein Weißer (Robert Hutter) mit überklebten Augen in einem umzäunten Areal, das an einer stark frequentierten Straße liegt und sich offensichtlich in einem schwarzafrikanischen Viertel befindet. Die stetig aussetzende Tonspur korrespondiert mit der temporären Blindheit und sorgt für eine beunruhigende Stimmung und sensibilisiert für die extreme Geräuschkulisse in Johannisburg. Die Passanten vor dem Zaun verfolgen die Aktionen innen mit steigendem Interesse. Skurrile Formen der  Kontaktaufnahmen mit der Außenwelt erhalten zunehmende Resonanz.

Monika Huber, Captured 2014, Video, Full-HD, 16:9, sw, 2:24 min© VG-Bild-Kunst Bonn, 2015 / MWANGI HUTTER. The Cage 2009, 12:01 MINSINGLE-CHANNEL VIDEO, 12:01 MIN,  COURTESY ALEXANDER OCHS PRIVATE BERLIN © VG Bildkunst Bonn, 2015

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XLVIII

Mittwoch, 21. Oktober 2015, 19 Uhr
Trafalgar-Day

Isa Rosenberger: Vladimir’s Journey (The Captain) 2013, 17:30 Min

Haupthandlung des Videos Vladimir’s Journey bildet der Lebensweg von Kapitän Vladimir K., der in der ehemaligen Sowjetunion startet und sich seit 1989 in den USA fortsetzt. Rahmenhandlung ist ein fiktives Szenario, das in gespenstischer Weise auf die berühmte „Küchendebatte“ zwischen dem US Vizepräsident Richard Nixon und dem Sowjet Premier Nikita Chruschtschow von 1959 anspielt. Vladimirs Reise erzählt einerseits vom Verlust der Heimat, betont aber andererseits, dass aufgrund der tiefen Beziehung eines Kapitäns zum Meer, letztlich das Meer die wahre Heimat ist.  Der Kalte Krieg erscheint in Isa Rosenbergers Arbeit als Wiedergänger im Jetzt.  

Courtesy of the artist

 

Episode XLVII

Die Veranstaltung fällt krankheitsbedingt aus.

Mittwoch, 30. September 2015, 19 Uhr
Tag des Übersetzens

Liz Magic Laser: The Thought Leader 2015, 9:22 Min

Ein kleiner Junge, gespielt von dem 10-jährigen Alex Ammerman tritt auf eine Bühne und motiviert gestisch und inhaltlich überzeugend das erwachsene Publikum. Das gewählte Format der Präsentation entspricht den amerikanischen TED-TALKs, die vornehmlich im Internet kursieren.  Inhaltlich adaptiert der Junge  Fyodor Dostoevsky’s Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864). Laser (*1981 in New York) beschäftigt sich in Performances und Videos mit dominanten Verhaltenstechniken  und psychologischen Strategien, die in von den Medien und den Politikern eingesetzt werden, um das Publikum zu beeinflussen.

Marko Schiefelbein: FREEDOM TO MOVE 2013, 6:33 Min

Ein Mann (W. Mirlach) beschreibt lebhaft eine surreale räumliche Situation, auf die er und eine anonyme Partnerin äußerst aktiv und impulsiv reagieren. Die Erinnerung an die Zerstörung und Eroberung des Umraums folgt den Bewegbilder aus der Levi’s Engineered Werbung von 2002. Schiefelbeins (*1984 in Stralsund) Videos bedienen sich am reichen Schatz der Bilder und Texte aus der Werbung und reflektieren die menschlichen Entfremdungen in der Konsumwelt. Dem kollektiven Gedächtnis vertrautes Material arbeitet er um und stellt so die Absurdität der Werbeinhalte heraus.    

 

Liz Magic Laser: The Thought Leader, 2015, single-channel video, 9 minutes, video still. Featuring actor Alex Ammerman. Courtesy of the artist, Various Small Fires, Los Angeles, and Wilfried Lentz, Rotterdam / Marko Schiefelbein: FREEDOM TO MOVE 2013,6:33 Min., 4 k, stereo, color, deutsch mit englischem Untertitel, Kamera Felix Pötzsch, Schaupieler und Text: Wolfgang Mirlach, Courtesy of the artist


Sabine Idstein präsentiert Episode XLVI

Mittwoch, 9. September 2015, 19 Uhr
Teddybärentag

Stanya Kahn: Arms Are Overrated 2012, 11: 35 min

Stabil und fragil zugleich treten zwei Puppen ohne Arme, Beine und sonstige beweglichen Glieder unerreichbaren Hindernissen gegenüber. Sie bestehen nur aus zerknittertem Papier und sind der bevorstehenden Auflösung durch die Launen von Wasser, Feuer und Wind unterworfen, selbst das große Bier, das sie trinken möchten, wird zur Hürde. Den Widrigkeiten zum Trotz  verfolgen sie einen poetischen Diskurs über Widerstände, geschmacklose Witze mit Verve und ohne Zensur, der Einsatz scheint so hoch zu sein, so dass die Chancen nicht länger relevant sind. In Arms Are Overrated werden existenzialistische Fragen angesprochen und im Spiel eines Marionettentheaters präsentiert.  

 

Stanya Kahn: Arms Are Overrated, TRT: 13:26, HD color video with sound, © 2012 (with additional dialogue by Jedediah Caesar), Courtesy of the artist


Sabine Idstein präsentiert Episode XLV

Mittwoch, 19. August 2015, 19 Uhr
Internationaler Welttag der humanitären Hilfe

Halil Altındere: Wonderland

Halil Altındere (* 1971 in Mardin, Türkei) analysiert die gesellschaftliche und politische Realität seines Heimatlandes. Provokant und subversiv nutzt der Künstler die Sprache und Symbolik des Systems, das er kritisiert. In seiner Arbeit Wonderland widmet er sich den Subkulturen Istanbuls und greift Elemente der vielfältigen türkischen Filmtradition auf. Das Musikvideo simuliert ein gewaltsames Aufbegehren gegen die staatliche Gewalt in Form der Polizei, wobei diese Gegenwehr faktisch niemals stattgefunden hat. Tatsächlich wurden das historische Viertel, das als das älteste Roma-Viertel der Welt galt, zunächst geschlossen, dann die Bewohner vertreiben und  schließlich wurde es komplett eingeebnet und mit Neubauten belegt, obwohl das Europaparlament diese Aktivitäten kritisierte. Auf diese klassische Gentrifizierung und die Machtlosigkeit der Betroffenen antwortet das Video mit einer  wunderschönen Paradoxie aus Lügen, Stereotypen, Macht und Heimat.

Halil Altındere: Wonderland, February 2013, Video, 8:25min,
Courtesy the artist and Pilot Gallery

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XLIV

Mittwoch, 29. Juli 2015, 19 Uhr
Todestag von Luis Buñuel 1983

Roz Mortimer: Wormcharmer, 1998
Peter Tscherkassky: The Exquisite Corpus, 2015

Eine weibliche Sprecherin berichte aus dem Off faszinierende Fakten aus der Welt der Regenwürmer. Auf der Bildebene werden diese Informationen von einer englischen Lady in ihrem kleinbürgerlichen Haushalt mit einem Bündel visueller Paradoxien skurril kommentiert. In den surrealen Bildern werden nicht nur die Würmer sondern auch das Weibliche erkundet. Mortimer bringt den Betrachter in einen natürlichen Kontakt mit einer Manifestation noch nie dagewesenen Fetischismus.

Der surrealistischen Technik des „Cadavre exquis" folgend schuf Tscherkassky (*1958 in Wien) eine Gesamtkomposition aus heterogenen Bestandteilen. Größter gemeinsamer Nenner der genutzten Bewegbilder ist die Nacktheit der darin gezeigten Akteure. Der entstandene Found-Footage Film verbindet die Körperlichkeit der Akteure mit einer ebenfalls physischen Behandlung des Filmmaterials. Der analoge Film wird in Anlehnung an Man Rays Dunkelkammerexperimente selbst zum bearbeiteten Bildgrund. Er eröffnet, auf der Bedeutungsebene der Handlung mit organischen Zeichen und Brüchen ausgestattet, die Traumebene.

Roz Mortimer: Wormcharmer, 1998, 9 Min, 16 mm übertragen auf DVD,
colour, sound, Music Benjamin Britten's Elegy performed by Britten Sinfonia

Peter Tscherkassky: The Exquisite Corpus, 2015, 19 Min,
35 mm digitalisiert, keine Dialoge

Courtesy of EMI Records; Supported by Arts Council England /
courtesy of sixpackfilm

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XLIII

Mittwoch, 24. Juni 2015, 19 Uhr
Johannistag

Jordan Wolfson: Infinite Melancholy, 2003, Projected video animation, 7:58 min, color sound, Dimensions vary with installation

In dem langsamen Schwung einer Schaukelbewegung wird der visuelle Musterteppich  aus grauem Raster größer, sein Ornament dagegen blasser und kleiner, bis es sich im weißen Grund aufgelöst hat. Dann schwingt die Bewegung zurück, das Weiß wird zunächst graue Textur, dann Blocksatz, wird schließlich Schrift und zügig geht eine „Kamerafahrt“ über das immer gleiche Wortpaar hinweg: „Christopher Reeves“ liest sich in unendlicher Anreihung neben und untereinander.

Wer ist Christopher Reeves? Der 4-malige Supermanndarsteller seit den späten 1970ern? Der Reiter, der 1995 einen tragischen Unfall erlitt? Jener Aktivist, der trotz seiner Lähmung eine Paralysis Stiftung gründete? Der Freund von Robby Williams?

Der Schweizer Sprachwissenschasftler Ferdinand de Saussure entwickelte das Modell der Arbitrarität der Zeichen. Danach ist „Christopher Reeves“ ein konventionelles Zeichen, ein Symbol ohne Ähnlichkeit zum bezeichneten Objekt. Welche Bedeutung der Name im Betrachter weckt, ist an die Erfahrungen des Betrachters gekoppelt. Das langsam gespielte Klavier in „Infinite Melancholy“ vertont etudenhaft und zögerlich die im Titel angespielte Melancholie. Das Schicksal Christopher Reeves und lässt im hin und her des Überflugs der Lettern sowohl die Flugfähigkeit des Hollywood blockbuster Superhelden assoziieren als auch den tragischen Sturz und das Wiederaufrichten des Schauspielers im realen Leben. Die 3-D-Animation des amerikanischen Künstlers Jordan Wolfson (*1980) gibt sehr wohl vor, wie das konventionelle Zeichen gelesen werden muss. In Goethes Faust findet Mephisto im Prolog im Himmel ein ähnliches Bild um diese charakteristische Bewegung des Menschen zu beschreiben: „Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden, / Wie eine der langbeinigen Zikaden,/ Die immer fliegt und fliegend springt/ Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;“. 

Courtesy of the artist, David Zwirner, New York, and Sadie Coles HQ, London

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XLII

Mittwoch, 13. Mai 2015, 19 Uhr
Jahrestag der Blut-Schweiß-und Tränenrede durch Sir Winston Churchill 1940

Harun Farocki: NICHT LOESCHBARES FEUER, 1969, 21:44 min

Der Kurzfilm "Nichtlöschbares Feuer" von Harun Farocki (*1944 in Nový Jicín - 2014) gilt als wichtigster Agitprop-Film der Vietnam-Bewegung. „Wie können wir Ihnen Napalm im Einsatz und wie können wir Ihnen Napalmverletzungen zeigen" reflektiert der damalige Filmstudent in der Rolle eines Nachrichtensprechers 1969 laut vor der Kamera. Zuvor hat Farocki in dieser Rolle den Brief eines im Vietnamkrieg versehrten Opfers verlesen, nun stellt er einfühlend fest, der Medienbetrachter wird sich aus Selbstschutz vor entsprechenden Bildern verschließen. Wie kann man nun die Medien nutzen, um „das nichtlöschbare Feuer" zu veranschaulichen? Farockis Weg „eine schwache Vorstellung davon (zu) geben, wie Napalm wirkt", ist die Selbstverstümmelung, denn er, des Betrachters Gegenüber im seriösen Anzug, kann als Mittler sich die Haut mit einer glühenden Zigarette versenken. Das hält der Betrachter aus und erfährt zugleich, dass das Napalm, das nicht löschbar ist, mit 5000 °C mehr als 12mal heißer brennt als die Zigarette.
Der Film zeigt im Folgenden statt der Wunden die Arbeitsteilung. Statt des Produktes Napalm die Produktion des nicht löschbaren Feuers.

Courtesy of the Galerie Thaddaeus Ropac and Harun Farocki Filmproduktion



Sabine Idstein präsentiert Episode XXXXI

Mittwoch, 22. April 2015, 19 Uhr
Internationaler Tag der Mutter Erde

Simon Wachsmuth, Regen, 2000; Flashanimation, Loop, Stumm
Günther + Loredana Selichar, GT Granturismo, 2001, Digital Video 5:10 min, 16:9

Die Computeranimation „Regen“ besteht aus weißen Linien, die sich diagonal von oben nach unten über eine schwarze Bildfläche ergießen. Dabei wechseln Intensität und Geschwindigkeit. Es scheint mal stärker und mal schwächer Striche und Linien zu regnen. Vorbild für diese Arbeit ist die japanische Landschaftsmalerei, die hier geometrisch abstrakt ins Technische übertragen wurde. Simon Wachsmuth (*1964 in Hamburg) interessiert sich für Medienbilder und vor allem für Zeichensysteme. Er untersucht die Bedingungen von kulturellen Eingriffen in natürliche Prozesse und bezieht damit auch die sozialen Codierungen von Leben mit ein. „Regen“ reflektiert das Wechselverhältnis von Kultur, Natur und Kunst. Zugleich entsteht aus einer gewaltigen Datenfülle ein reduziertes aber intensives Raumerlebnis.

 

Die Autofahrt mit dem GT beginnt auf gerade Straße. Draußen liegt Naturlandschaft,  präsentiert in Zentralperspektive durch die Windschutzscheibe. Der Betrachter im Inneren entspricht Iggy Pops “Passenger” (1977): “he rides and he rides, he looks through his window, what does he see ... / all of it was made for you and me ... / so let’s take a ride and see what’s mine”. Sowohl der Betrachter des Videos als auch der Passenger befinden sich in einem Road Movie von Günther und Loredana Selichar. Beide schauen mit virtuell geschultem Eroberungsblick und aus sicherer Position auf das Schauspiel der Natur, die zurückschlägt. In Kamikaze-Art schlagen Horden von Mücken, Käfern und andere Insekten gegen die Windschutzscheibe, bis vor lauter Leichen kein Ausblick mehr bleibt.



Sabine Idstein präsentiert Episode XL

Mittwoch, 1. April 2015, 19 Uhr
Ende der Fastenzeit

Klaudia Stoll und Jacqueline Wachall: High Heel Obsession, 2012, 29:37 min, 1 Kanal HD Video, 16:9

Christian Jankowski: Die Jagd (1992) 1 min

Der Betrachter partizipiert aus der Froschperspektive an einer lustvoll verspielten Hinrichtung von verschiedenen Obstsorten, die die in petrolfarbene Plateaulackstilletos und helle Perlonstrümpfe gekleideten Beine des Künstlerduos  Stoll & Wachall in einem weiß gekachelten Badezimmer vornehmen. Die Video-Performance ist durch rosa Zwischentitel gegliedert und widmet sich einer zunehmend radikaler werdenden sinnlich-sadistischen Präsentation, die auf barocke Motive aufgreift und der Kamera und damit dem Betrachter zu gefallen sucht.

In einer frühen Arbeit von 1992 mit dem Titel „Die Jagd” erlegt Jankowski in einem Supermarkt Joghurtbecher, Brot, ein tief gefrorenes Hähnchen und Margarine mit Pfeil und Bogen.

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XXXIX

Mittwoch, 11. März 2015, 19 Uhr
Tag der Katastrophen

Marcel Odenbach:Im Schiffbruch nicht schwimmen können, 2011,Farbe, Ton, 8:23 Min.

Eugen Delacroix, der Théodore Géricault bei seiner Arbeit am „Das Floß der Medusa (1819)“ vor fast 200 Jahren beobachtet hat, soll gesagt haben, dass der Betrachter der Darstellung des Floßes selbst schon mit einem Bein im Wasser stehe. Das Bild berührt und schockiert. Sein Sujet ist die Katastrophe, die sich auf einen politischen Skandal hin entfaltet. Nachdem die Fregatte Medusa, die unterwegs war, die Kolonie Senegal von den Briten zu übernehmen, Schiffbruch erlitt, wurden 149 Menschen auf einem Floss im Ozean ausgesetzt. Nur 15 von ihnen überlebten die Reise auf dem offenen Meer nach Frankreich, indem sie aus Not zu Kannibalen werden mussten. Marcel Odenbach (*1953 in Köln) betrachtete mit drei Schwarzafrikanern (aus ehemaligen Kolonialgebieten, die ebenfalls über das Meer nach Europa kamen) das weltbekannte Gemälde im Louvre und lädt den Betrachter von „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ ein, an der Sicht der Migranten partizipieren, indem er ihre Äußerungen über die Flucht, Heimweh, Sorgen und das Fremdsein in Bildern einfängt. 

© Marcel Odenbach, Courtesy of the artist and Galerie Gisela Capitain, Cologne

 



Sabine Idstein präsentiert Episode XXXVIII

Mittwoch, 18. Februar 2015, um 19 Uhr
Aschermittwoch

John Skoog: Federsee, 2013, Farbe, 8 Min (ohne Text) Land: Schweden

In „Federsee“ von John Skoog (*1985 in Malmö, Schweden) schweift die Kamera gemäß skandinavischer Tradition langsam über die in Schnee getauchte Naturlandschaft sowie über die verschiedenen Bewohner und Häuser der schwäbischen Kleinstadt Bad Buchau oder verharrt in der Statik eines Standbildes. Die alemannische Fasnet mit ihrem traditionellen Brauchtum, den Klingeln und Glöckchen, den Holzmasken, den Umzügen und Überfällen aber auch die angespielte unheimliche Legende um den See, verleiht dem pseudo-ethnografischen Film, dessen erzählte Zeit von der Morgenröte bis zum Sonnenuntergang verläuft, eine poetische Dimension.

 

Marcondes Dourado: Ogodô Ano 2000, 1996, 12:07 Min., Farbe, Land: Brasilien

Ein Porträt des Karnevals in Salvador abseits der oberflächlichen Extravaganz.  Bilder aus den bei Transvestiten und Homosexuellen populären Randbezirken der Stadt rücken ins Zentrum. Aufnahme und Wiedergabe laufen über unterschiedliche Frequenzen, so dass sich vom Monitor abgefilmte Bilder in Zeitlupe durch langsames Scrollen eines schwarzen Balkens im Bild auszeichnen. Der karnevalistische Zauber korrespondiert so mit der Dramatik und Ironie des Aufscheinens und Verdeckens des elektronischen Bildes.

Courtesy of John Skoog and Pilar Corrias Gallery and of the ZKM Karlsruhe

 

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XXXVII

Mittwoch, 28. Januar 2015, 19 Uhr
Europäischer Datenschutztag

Peter Weibel und  Hotel Morphila Orchester: Wir sind Daten (2013), 4:50 Min

Peter Weibel (* 1944 in Odessa) hat nicht nur eine Künstlerbiografie und eine als Ausstellungsmacher und Hochschullehrer, er kann auch mit einer Diskografie mit dem Hotel Morphila Orchester seit 1978 aufwarten. Mit dieser Popband hat er technisch gesehen den Download vorweggenommen, denn schon 1982 konnte man ihren Song „Sex in der Stadt“ kostenlos vom Kopfhörer einer Telefonzelle aus aufnehmen. „Wir sind Daten“ reflektiert das Schlagwort „Big Data“. Auf einem schwarzen Screen tanzen zunächst zu Weibels digitalisierter Stimme die Nullen und Einsen, die unser gesamtes Kommunikationssystem codieren. Der Songtext macht unsere Abhängigkeit vom digitalen System deutlich. Visuell gesellen sich immer chaotischer werdend weiße Wortfragmente zum Tanz der Lettern auf schwarzem Grund, während auch akustisch der Untergang heraufbeschworen wird.

Cory Arcangel: Drei Klavierstücke, op. 11, 2009, Projection from a digital source, variable dimensions

Ein halbes Jahr arbeitete Cory Arcangel (*1978 in Buffalo, NY) an dem Werk „Drei Klavierstücke“, op. 11, das als Found Footage Arnold Schönbergs gleichnamige Komposition von 1909 adaptiert. Das wegweisende Stück der atonalen Musik, das mit der westlichen Tradition der Harmonie bricht, wird bei Arcangel von Katzen gespielt. Katzen, im Internet auch als LOLCats bekannt, sind das beliebteste Internet Meme der Welt. Dementsprechend findet man auch Katzen am Klavier im WWW. Arcangel schnitt in minutiöser Arbeit 170 Youtube Videos von „klavierspielenden Katzen“ zusammen und komponierte aus mit ihnen das komplizierte und in der Rezeption als schwierig geltende Meisterwerk nach.

Courtesy of the artist. Videostill: Christina Zartmann / Courtesy  of the artist and Galerie Thaddaeus Ropac, Paris/Salzburg, © Cory Arcangel

 

 

 

Sabine Idstein präsentiert Episode XXXVI

Mittwoch, 7. Januar 2015, 19 Uhr
Orthodoxe Weihnacht

Sven Johne:  Wissower Klinken, 2007, HD video, 8:20 min, Actors: Leipzig-Nord Men Choir:

Sven Johne (*1976, Bergen auf Rügen) untersucht akribisch wahre Begebenheiten des ostdeutschen Zeitgeschehens. Zwischen Gefundenem mit Erfundenem changierend, trägt er seine Ergebnisse als nüchterne Berichterstattung vor. In „Wissower Klinken“ rekapituliert ein Sprecher die Ereignisse um den verstorbenen Fremdenführer Klaus Bartels, der Ideale der deutschen Romantik vereinte, indem er als singender Wanderer an den Kreidefelsen auf Rügen tätig war, bis er von denselben erschlagen wurde. Der Männerchor Leipzig folgt zunächst mit andächtigen Blicken und stimmt schließlich Schuberts Winterreise an.

Ulla von Brandenburg: Chorspiel, 2010,  video on blu-ray DVD audio 10min 35s b&w

Ulla von Brandenburgs (*1974, Karlsruhe) Schwarz-Weißfilm „Chorspiel“ präsentiert sich als Kombination von Bühne mit Gesang. Durch die Nachvertonung der Dialoge mit der Vielstimmigkeit eines Chors werden die Familienmitglieder destabilisiert und erhalten zugleich eine psychologische Dimension. Ihre angedeutete unsichere Zukunft wird mittels dubiosen Wanderers erweitert, der mit seiner verborgenen Box zwischen dunkler Vorahnung und Ausblick auf eine Lösung des Dilemmas spielt. Die rätselhafte Szenerie verweist als Blick hinter die Bühne des Lebens auf gesellschaftliche Fragestellungen.      

© VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Courtesy of Klemm’s, Nagel-Draxler and the Artist, Produzentengalerie Hamburg and the Artist