Architektur
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Energiezentrale des Zollhafens
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Prof. Günter Zamp Kelp
Es ist der Weitsicht und Großzügigkeit der Entscheidungsträger der Stadtwerke Mainz AG zu danken, dass das erste fertig zu stellende Bauwerk im Zollhafen der Kunst gewidmet wird.
Der „Schräge Turm von Mainz“ ist in einer Funktion als Eingang zur Kunsthalle das zeichenhafte Bindeglied zwischen außen liegender urbaner Alltäglichkeit und innen liegenden Kunstwelten, indem er den Übergang zwischen beiden durch seine eigenständige Erscheinung markiert. Wie alle Räume im sieben Grad geneigten Turm ist das Foyer ein Raum, der als dreidimensionales Parallelogramm wahrgenommen wird. Es entwickelt eine Höhe von sieben Metern und entspricht somit einem Drittel der Gesamthöhe des Turmes von 21 Metern.
Von hier erreicht man alle für die Öffentlichkeit bestimmten Räume. Kunstwelten benötigen Räume, in denen sie sich entfalten können. In der Kunsthalle Mainz stehen Ausstellungsräume mit unterschiedlichen Raumqualitäten zur Verfügung. Ein großer Teil dieser Ausstellungsflächen liegt im denkmalgeschützten Altbau. Es entstehen Räume von unterschiedlicher Größe und Höhe, die vielfältige Möglichkeiten bieten, Kunst in Szene zu setzen.
Da diese Räume weitgehend ohne Tageslicht auskommen, kann mittels artifiziellem Licht jede Beleuchtungssituation zwischen „Whitebox“ und „Blackbox“ erzeugt werden. Basis für die Variabilität der Beleuchtungstechnik ist eine in große Felder gegliederte, hinterleuchtete, dimmbare Membrandecke, die mit flexibel positionierbaren Punktleuchten ergänzt werden kann.
Eine große Herausforderung für die ausstellenden Künstler und Künstlerinnen wird im Bereich des Altbaues der etwa zwölf Meter hohe ehemalige Transformatorenraum im historischen Kuppelturm darstellen. Besucher können diesen Raum nur von einem kleinen Innenbalkon aus einsehen. Seine Vertikalität steht im Gegensatz zum lagerhaften Charakter der großen Ausstellungsflächen in unmittelbarer Nähe.
Besonders die Tatsache, dass die Identität der Kunsthalle nicht nur durch ihre historischen Gebäudeteile, sondern auch durch den Neubau des „Schrägen Turmes von Mainz“ geprägt wird, ist ein Statement dafür, dass im Zollhafen die Zeichen auf Erneuerung stehen.
Auszug aus dem Beitrag in der „Hafen-Chronik“
Energiezentrale des Zollhafens –
Das Kessel- und Maschinenhaus
Prof. Dipl.-Ing. Emil Hädler und Dipl.-Ing. Rudolf Coenen
Die ehemalige „Central-Maschinenanlage“ des Mainzer Zollhafens darf zweifellos als Schlüsselbauwerk für das Hafenareal gelten. Sie war ursprünglich zwar nicht das signifikanteste der Hafengebäude, wurde aber bereits mit den ersten Bauten als Energiezentrale errichtet. Heute stellt sie das einzige erhaltene Original Kreyßig’scher Architektur im Hafengelände dar. Kesselhaus und Maschinenhalle sind nach der erfolgten Teilentkernung späterer Einbauten in ihrer Architektur wieder erlebbar. Die historischen Dächer mussten dem Neubau der Kunsthalle weichen. Die beiden Säle eignen sich für Veranstaltungen und öffentliche Nutzungen und wirken bereits im Rohbau bemerkenswert.
Der Bau, besser das Ensemble von aneinander gefügten Einzelbauten, steht zeichenhaft für die gesamte industriell geprägte Kulturlandschaft von der Ingelheimer Aue bis zur Hafenstraße. Diese Zeichenhaftigkeit kam ursprünglich in der Architektur des (nicht mehr existierenden) Schlotes zum Ausdruck und in den mächtigen Rustikaquaderungen der Akkumulatorentürme, die als „Kraftmaschine“ pars pro toto für die Energieversorgung im Hafen standen. Besondere Aufmerksamkeit kam deshalb in der Diskussion von Architekt und Denkmalpflege der Lücke zwischen Lokschuppen und Kesselhaus zu. Als neues Wahrzeichen für die Kunsthalle und das Zollhafenprojekt insgesamt sollte hier der „Schräge Turm von Mainz“ entstehen, der die frühere Zeichenhaftigkeit des Schlotes als Symbol der Kraftzentrale wiederholt. Als auffälliges modernes Bauteil greift er an dieser Stelle nur minimal in die vorhandene Bausubstanz ein und erhebt damit den Anspruch einer denkmalverträglichen Intervention.
Der etwas später realisierte Lokschuppen für die Hafenbahn, unmittelbar an der Ecke zwischen Zollhafenstraße und Rheinallee gelegen, gehört seiner Funktion nach nicht zu diesem Ensemble, passt sich aber hinsichtlich Fassadengestaltung und Gliederung perfekt ein. Auch hier sind die historischen Dächer und der Innenraum unverfälscht erhalten. Er eignet sich gut für Sondernutzungen, die mit dem übrigen Ensemble in Verbindung stehen, aber eine gewisse Eigenständigkeit wahren.
Zollhafen Mainz, Luftaufnahme von 1933
Die stärkste Veränderung erfuhr das Fragment des ehemaligen Magazingebäudes, das – kriegszerstört und unvollständig wieder aufgebaut – erhebliche Spielräume für Umgestaltungen bietet. Ohnehin fiel dieses Bauteil gestalterisch aus dem Rahmen durch eine unpassende Höhenentwicklung, die die ursprünglich geplante, niedrige Gebäudelinie als Seitenflügel des ehemaligen Verwaltergebäudes störte. Die Entfernung der Obergeschosse nach der Kriegszerstörung wirkt insofern eher beruhigend. Im Inneren sind erhebliche Möglichkeiten geboten, durch die Entfernung der rezenten Kellerdecke und Entkernung von Raumtrennwänden ein großes zusammenhängendes Raumvolumen zu schaffen, das sich multifunktional nutzen lässt. Das Pförtnerbauwerk als – heute etwas isoliertes – Fragment des Kreyßig’schen Gesamtkonzepts ist nur noch schwer in seiner ursprünglichen Funktion als Torbau zu erkennen. Das Gegenüber fehlt, und im Inneren ist es erheblich verunstaltet. Eine behutsame Entkernung späterer Einbauten und eine Neugestaltung sind erforderlich.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass dieses heterogene Ensemble aus sieben Einzelbauteilen eine überraschende Einheitlichkeit und Geschlossenheit aufweist, die seine Entstehungsgeschichte im Grunde nicht nahe legt. Durch permanente Nutzung auch in der Zeit des Niedergangs des Hafens kam es gestalterisch und baukonstruktiv gut über die Zeit und stellt heute mit seiner bemerkenswerten Architekturqualität einen Eckpunkt dar. Es erscheint nahe liegend, die künftige Entwicklung des Hafenareals an dieser Stelle unter Verwendung der vorhandenen Bauten, folgend aufgelistet, mit einem markanten Akzent zu beginnen.
1. Der Lokschuppen als jüngstes Element ist in seiner Eigenständigkeit heute wieder erfahrbar. Auf der Entwurfszeichnung von Kreyßig von 1887 erscheint er nicht. Stilistisch passt er sich perfekt der Architektur an und könnte durchaus im Büro Kreyßig entwickelt worden sein. Der Abbruch des Zwischenbaus zur Errichtung des Kunsthalle-Turmes brachte 2006 eine Überraschung: Dem Schlot des Kesselhauses gegenüber war eine reichhaltig dekorierte Fassade mit Pilastern und Diamantquadern erhalten, mit der an dieser nicht einsehbaren Stelle niemand gerechnet hatte.
2. Die Lücke zwischen Lokschuppen und Kesselhaus war ursprünglich nicht bebaut und Position des mächtigen Schlotes, der in den 1950er Jahren abgebrochen wurde. Das Fundament kam beim Ausschachten für den Turm der Kunsthalle zum Vorschein. Dabei konnten die gewölbten Fundamente des Kesselhauses aufgenommen werden, die tief in den weichen Untergrund des ehemaligen Rheinsandes reichen.
3. Das Kesselhaus ist weitgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten. Der originale Dachbinder musste 2007 dem neuen Dach der Kunsthalle weichen. In die Ostfassade wurden Fensteröffnungen eingebrochen und mit Glasbausteinen verschlossen. Die Halle erhielt eine Zwischendecke, die 2006 im Zuge der Entkernungen entfernt wurde. Im Untergrund wurde bei Ausschachtungen der Abgaskanal der Dampfkessel zum Schlot gefunden und dokumentiert.
4. Der Akkumulatorenturm ist als einer von zwei geplanten ausgeführt worden. Der zweite Turm ist in seiner Architekturgliederung vollständig vorgerichtet. Sein Stumpf wurde mit einem abgeschleppten Pultdach abgedeckt. Später eingezogene Zwischendecken sind mittlerweile im Zuge des Baus der Kunsthalle entfernt worden. Die Vorrichtung zum Aufhängen des beweglichen Kolbens an einem doppelten Stahlträger auf Konsolen ist noch vorhanden.
5. Die Maschinenhalle mit flach geneigtem Stahlbinderdach enthielt als baukonstruktive Besonderheit eine Tonröhrendecke, die im Zuge des Neubaus der Kunsthalle entfernt werden musste. Im Untergrund sind zwei begehbare Fundamente für Dampfmaschinen nachweisbar, die die Wartung der Maschinen von unten ermöglichten. Die Gewölbe zwischen den Fundamenten sind räumlich sehr eindrucksvoll. Der Boden der Maschinenhalle war mit einem anspruchsvollen Terrazzomosaik ausgestattet.
6. Das Magazin wurde als Bauwerk in verschiedenen Versionen geplant und zuletzt mit reichhaltig dekorierter späthistoristischer Fassade zweigeschossig mit mächtigem Dach ausgeführt. Nach der Zerstörung 1945 erfolgte ein reduzierter Wiederaufbau mit einfachem Nagelbinderdach. Eines von zwei Treppenhäusern wurde erhalten, ebenso die ursprüngliche Struktur des Kellers. Als „Zucker-Goebel“ erfuhr dieses Bauteil die am weitesten gehenden Veränderungen des gesamten Ensembles und wurde so als Torso in das Konzept der Kunsthalle integriert.
7. Das Octroi-Bureau ist in der von Kreyßig geplanten Form erhalten. Ihm fehlt das Gegenüber im Seitenflügel des ehemaligen Verwaltungsgebäudes, mit dem es eine gestalterisch gelungene Torsituation bildete. Von einer Pförtnerloge aus konnte das Tor kontrolliert werden. Die Loge auf Außenniveau ist heute vermauert. Als ehemaliges Büro am Hafeneingang ist es anspruchsvoll durchgebildet, mit Attika aus Backstein und sorgfältiger Werksteingliederung in der Bänderung der Fassade.
Auszug und Abbildungen aus dem gleichnamigen Beitrag in der Sonderpublikation der Hafenchronik zum 120-jährigen Jubiläum des Mainzer Zoll- und Binnenhafens im Juni 2007,
hrsgg. v. Stadtwerke Mainz AG.